VINCENT SCHUBARTH: La Monade

Since Manet, painters have had to continually negotiate their relationship with paint,
justify it (...) such that painting can often be reduced to a strategy: not how to paint, but
how to get away with it — be it in terms of technique or content. Chris Sharp 2009
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Die Formate der Leinwände sind klein und die Grundstimmung ist gräulich oder bräunlich, in einem Licht gehalten, wie es an bewölkten Tagen durch die Gardinen ins Zimmer fällt oder wie es bei dichtem, warmen Nebel an einem atlantischen Sandstrand herrscht, wo man das Meer vergessen hat und staunt, dass man dennoch Luft zum Atmen hat. Der Raum ist nicht fassbar, die Zeit wird zu einer diffusen Kategorie.

Viele von Vincent Schubarths fast quadratischen Monaden erwecken zunächst den Eindruck, als wäre die Leinwand großenteils roh belassen worden. Aber die scheinbar unmarkierten Hintergründe sind ebenso gemalt und bestimmt wie die farbigen Gegenstände, die das jeweilige Bildgeschehen dominieren. Inmitten der vagen Fläche halten Stangen ein paar Tücher zusammen, bunte Zeltwände und zarte Schattenwürfe zeigen die Anwesenheit von Licht an, und über manchen der Hütten hängt eine Art Straßenlaterne.
Hier hat sich jemand provisorisch eingerichtet. Wir würden meinen, auf die Darstellung eines Slums zu blicken, wenn diese Buden nicht mutterseelenallein auf Vincent Schubarths Leinwänden klebten. Wird aber das ärmliche Leben mit Einzelgängertum assoziiert, lässt es sich als selbstgewählt deuten und man betrachtet es ohne schlechtes Gewissen. In Gestalt des Eremiten oder Bohemiens mag es sogar Bewunderung erregen.

Die farbigen Behausungen sehen verlassen aus, doch dann entdeckt man etwas Menschliches: Je einen Kopf mit einem schwarz-weiß wirkenden Gesicht, umrahmt von einem Kragen und einer Frisur, die auf das 19. Jahrhundert verweisen. Jedes Antlitz steht oder liegt so lose in seinem farbigen Verschlag, wie dieser in der Welt des Bildes schwebt. Hat man hier einfach jeweils ein Porträt abgestellt, das nun auffällig und doch bescheiden wie ein Gartenzwerg im Vorgarten steht? Ein proportional zum Kopf passender Körper hätte keinen Platz im Zelt, und so fragt man sich, ob der Bewohner keines Leibes bedarf, ganz Hirn und Haupt ist — ein Mann ohne Unterleib, der wie ein Einsiedlerkrebs in einem brüchigen Schneckenhaus lebt.
Wären diese Bärtigen Vertreter der Boheme, dann bräuchten sie den Umgang mit ihresgleichen. Sie würden sich in der Spelunke treffen, um sich mit ihrem idiosynkratischen Wollen und Werden zu beschäftigen, während ihre Körper in Schwindsucht und Absinth verwelken. Das Gegenstück zu diesem Klischee ist das historisch etwa gleichzeitig geprägte Bild des Einzelnen in der 'freien Natur', insbesondere am Meer: Anders als der Wald oder die Berge, deren Vertikalität dem Wanderer väterlichen Schutz gewährt, ist der Strand kein sicherer Hafen. Zwischen Fläche, Boden und Wasser ist diese Scheidelinie ein Ort permanenter Grenzaufhebungen und anhaltender Gegenwart; kein Platz, um sich niederzulassen oder zu verstecken.

Doch vielleicht dienen diese Buden weniger einem Typus, sondern der Malerei selbst als Unterstand. Hat der Künstler hier vor allem seinem Medium eine wackelige Schutzhütte errichtet, in einem Bildraum, der sich sonst, einer Bildhauerskizze gleich, selbst ganz ignorieren könnte? Vincent Schubarths Monaden aus Kopf, Farbhütte und monotonem Grund bilden ein Bedeutungsgestrüpp, in dem sich Fragen zum Thema Malerei verfangen, zu ihren Traditionen und zu ihrer Fremdheit in einer Gegenwart, die von einer Unzahl fotografischer Bildinformationen bevölkert wird. Ein Gehäuse kann auch eine Falle sein, für den, der drinsteckt, und jeden, der dazukommt. Hinter dem Herrengesicht und unter dem losen Dach mag das Eigentliche lauern: Die Erfahrung des Bildlichen, das von allerhand Anspielungen zehrt, um sich dann doch dem Benennbaren zu verweigern und damit die eigene materielle Präsenz zu behaupten. Malerei ist immer die Verheißung, etwas mehr zu bekommen, als man sieht, und etwas zu verstehen, über das man nicht sprechen kann. — Das könnte als Sprechblase aus einem der Bärte emporsteigen.

Bettina Carl, Zürich und Berlin 2015


1zit. Chris Sharp "Painting and Sincerity", Essay in "The Domain of Painting. Luca Bertolo", Viareggio: 2009

 

 

Spur und Differenz - die Malerei von Vincent Schubarth

 

 

 

Als Vincent Schubarth Ende der 90-er Jahre erstmals Fotocollagen als Vorstufen seiner Malerei verwendete, zeigte sich in ihren beziehungsreichen Gegensätzen eine assoziative Verspieltheit, die seitdem seinen Umgang mit Malerei kennzeichnet: Es sind die Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten, die den Künstler mehr als jede stilistische oder inhaltliche Programmatik interessieren.

 

Brüche in den Ausdrucksmitteln und Sprünge zwischen den Bildthemen stehen dabei immer in einer Wechselbeziehung zueinander. Deutlich wird dies in der Andenkenbahn - Serie, in der Schubarth Kindheitserinnerungen an seine Familiengeschichte zwischen Ost- und Westdeutschland thematisiert: Ein letztes Gruppenbild vor der Auswanderung (Trennung I) zeigt eine gespenstisch erstarrte und zugleich malerisch eruptive Familienszene, in der jedes Familienmitglied nicht nur durch Haltung und Blick, sondern auch durch einen eigenen Duktus von den anderen isoliert wird – eine Trennung, die längst vor dem sprachlosen Abschied stattgefunden hat. Im gestreckten Querformat Waldteilung scheint die achsensymmetrische Spiegelung des Waldes und der Futterkrippe das Unbegreifliche und Absurde dieser Grenzziehung zu versinnbildlichen. Auch hier zeigt sich in der für Schubarths autobiografische Motive typischen Schichtung expressiver und zugleich luzider Farbschichten, wie Zufälle die Bilderzählung in Gang setzen: Hinter den Bäumen lassen sich drei riesenhafte Gestalten erahnen – Spuren eines übermalten Motivs, die einen Schatten auf die unbekümmert und zugleich verloren wirkenden Bildfiguren werfen. Die häufigen Schlieren und Punkte auf den Bildern der Serien Andenkenbahn, Landscapeism und Freundliches Feuer verstärken noch die räumliche Wirkung der Ebenen und den Eindruck von Geschwindigkeit und zugleich Erstarrung, sie sind Spuren und Bildgegenstände in einem. Wie eng Thema und Gestus verknüpft sind, zeigt sich auch im rückblickenden Selbstportrait als junger Klavierspieler (Solo mit Mond), auf dem der Dargestellte von schlingernden Mustern und Farbflächen umgeben ist, die sich aus den Gegenständen herauslösen, als sei das Empfinden eines 15-Jährigen nur durch ein kaum beherrschbares Drängen und Schwärmen in malerischer Nonchalance auszudrücken.

 

Zeitgleich entsteht in denkbar großem Kontrast die akribisch in verhaltenen Grau- und Beigetönen gemalte Serie der La Monade - Miniaturen, in denen das Pathos der nahezu ausschließlich männlichen Boheme des 19. Jahrhunderts zu vereinsamten Künstlerkarikaturen zusammenschrumpft. Wie aus der Geschichte gefallen harren diese unterleibslosen menschlichen Einsiedlerkrebse in ihren improvisierten Schutzhütten aus.

 

Ganz im Gegensatz dazu stehen die teilweise großformatigen Bilder der Serie Ornament und Gebrechen: Monatelang schichtete der Künstler in wechselnden Techniken Farbschichten und Motive übereinander (dokumentiert in seinem Kurzfilm The Painting Story), um am Ende die verbliebenen Spuren in ornamentale Schlichtheit zu fassen (Die Antwort) oder zu Tableaus aus Malerei und Fotografie zu kombinieren (Insel der Jugend).

 

Auch bei den naturalistisch gemalten Bilderserien Slides und Portraits ist die Frage nach den Strategien nicht unwesentlich. Für die kleinformatigen Slides verwendet Schubarth nach dem Zufallsprinzip zusammengetragene Motive aus dem Internet, deren Umsetzung in valeuristischer Alla-Prima-Malerei wie ein ironischer Anachronismus wirkt. Zugleich haftet diesen kleinen Genrebildern eine Poesie und Ernsthaftigkeit an, die ebenso für die Portraits gilt. Bei Letzteren handelt es sich allerdings nicht um Bilder nach Bildern, sondern um authentische Portraitsitzungen im Atelier des Künstlers. Das Hintergründige, Mehrdeutige, bisweilen auch Unentschiedene scheinen hier nun ganz aufgelöst, als hätte es aller Zweifel und Widersprüche bedurft, um wenigstens vorübergehend zu Ruhe und Schlichtheit zu finden.

 

 

 

Jan Wallraf, 2007